Bal Folk

Bal Folks 

sind Musikveranstaltungen, bei denen das Publikum nicht sitzt, sondern tanzt, und zwar Kreis- und Paartänze, die es bereits kann und deshalb ohne Anleitung spontan gemeinsam tanzen kann. Im Grunde das, was früher auf der lokalen Kirmes stattfand: Lokale Musiker spielen, lokales Publikum tanzt, das, was lokal bekannt ist. Es unterliegt dem Wandel der Zeit, irgendwas ist immer modern und irgendwas ist immer unmodern. Zur Klangkulisse eines Bal Folk gehören die Musik, die Tanzschritte, das Rascheln der Kleidung, das Reden des Publikums, Gläserklirren nebenan. Kinder sind natürlicher Teil des Geschehens. Keiner muss still sitzen oder leise sein. Man kann tanzen, schlafen, spielen, rausgehen, reinkommen.  Brahms war so ein Kind: Sein Vater hat in Hamburg in einerTanzkapelle gespielt. Seiner Musik merkt man das an.

Die Logistik eines Balls war schon immer eine akustische Herausforderung. Findet er draußen statt, sind die meisten Instrumente zu leise. Um unverstärkt draußen zum Tanzen spielen zu können, braucht man Instrumente wie Dudelsack, Bombarde (Schalmei) und Drehleier, einfach wegen der Lautstärke. Gesang unverstärkt funktioniert – aber nur im Wechselgesang mit Vorsänger und Nachsängern. Die Lieder müssen eine entsprechende Architektur haben: Wenig Text, Silbengesang, Wiederholungen, einfache Melodie. Exakt das Gegenteil von konzertanter Musik. Je schwieriger die Akustik, um so existenzieller ist es, dass jeder sich an der Produktion des gemeinsamen Klanges beteiligt.  Sonst hört man nichts und kann nicht tanzen. Das musikalische Können des Einzelnen ist dabei nicht von Interesse. Bezahlende Zuhörer gibt es nicht, damit besteht auch kein Anspruch der Musik gegenüber. Die Bezahlung der Musiker erfolgt auf Spendenbasis, oft in Naturalien, sprich Alkohol. Für mindestens einen schwedischen Geiger ist belegt, dass er alkoholabhängig war.

Manchen Tänzen merkt man noch an, dass sie u.a. den Zweck hatten, in kühlen Nächten warm zu halten. Als Musiker muss man nicht virtuos spielen, sondern aufreizend. So, dass es in die Füße geht. Taktgeber sind die Füße, sowohl die eigenen als auch die der Tänzer, nicht der eigene Atem oder die Vorstellung des Dirigenten. Aus der sparsamen Bezahlung ergibt sich einerseits eine Nicht-Professionalität der Musiker. Andererseits ergibt sich aus der Notwendigkeit, dass Musiker gebraucht werden, reichlich Spielerfahrung – was eine Professionalität anderer Art erzeugt. Zur Professionalität des Tanzmusikers gehört ein eigenes Repertoire gängiger Tanzstücke, die er auch selber tanzen kann, das schnelle Erfassen von Melodie und Harmonie nach Gehör, das Transportieren des Tanzcharakters über die Artikulation, ad hoc zweite Stimmen spielen und Begleitung auf Melodieinstrumenten spielen können. Alleine ist man zu leise – man braucht die Fähigkeit zum spontanes Zusammenspiel. Noten sind draußen und in Räumen mit wenig Beleuchtung kein geeignetes Medium. Sie behindern auch den Kontakt zu Mitmusikern und Tänzern. Ohren sind dafür einfach das bessere Organ.   
Das sind die Wurzeln.

Bei modernen Bällen hat man Dank Verstärkung, Beleuchtung, Bezahlung, weiter Anfahrt und musikalischer Ausbildung sehr viel günstigere Bedingungen. Die moderne Bal Folk Musik ist ein wunderschönes, vielfältiges, kreatives, sich beständig weiterentwickelndes, absolut hörenswertes, musikalisch anspruchsvolles Genre. Diese Möglichkeiten bringen traditionelle Musik zu einer Vollkommenheit, die sie traditionell nie haben konnte.
Das sind die Flügel.

Andererseits bewirkt die Professionalisierung der Musik eine Entfremdung von ihren eigenen Wurzeln. Je mehr Klangerzeugung an Profis und Verstärkung deligiert wird, um so weniger ist eigene Klangerzeugung für das Funktionieren des Balls erforderlich. Die Nicht-Notwendigkeit erhöht den Anspruch, sowohl an sich selbst, als auch an andere. Dadurch entfällt der Nebenbeierwerb von musikalischer Kompetenz. Die fehlt dann.

Veranstalter moderner Bal Folks haben andere Probleme: GEMA, Saalmiete, Anlage, Tontechnik, Gage, unzufriedende Wirte weil zu wenig konsumiert
wird. Bal Folk ist teuer. Gleichzeitig erlebt sich das Publikum als aktiven Bestandteil der Veranstaltung, was es ja auch ist. Es erlebt sich nicht als Konsument, sondern als Akteur, und möchte deshalb nicht genauso viel bezahlen wie im Konzert.

Die Lösung für bezahlbaren Bal Folk ist die funktionierende Session, die eine zweite eingeladene Band ersetzt.

Wie bekommt man eine funktionierende Session?

Ein Bal Folk hat einen bestimmten Ablauf.
Tänze des frühen Abends (wenn die eingeladenen Bands spielen und Tanz-Neulinge dabei sind) sollen tänzerisch einfach  und dürfen musikalisch schwer sein: Fröhlicher Kreis, Chapelloise, Hanter Dro, Schottisch, Walzer, Slängpolska, Polka. Man kann sie relativ einfach auch ohne Tanzkurs mittanzen, „Walzer“ ist irgendwie allen ein Begriff, anders als „Kost ar c`hoat“.

Tänze des mittleren Abends sind ohne Tanzkurs für Neulinkge eher nicht tanzbar: An Dro, Laridée, Gavotte, Bourrée, Rondeau, Ronde de St. Vincent, ungerade Walzer, Polska. Sie leben von Details, die durch reines Abgucken nicht erlernbar sind. Ohne diese Details machen sie keinen Spaß oder verlieren an Ästhetik. Das heißt nicht, dass man sie nicht auch als Anfänger versuchen soll. Es soll heißen, dass man eben Tanzkurse braucht, die diese Details zeigen.

Tänze des späten Abends sind musikalisch einfach und dürfen tänzerisch schwer sein:  Branles,  Sept Sauts, Grande Potterie, Karneval de Lanz, Pas d’Ete, Fandango, Hanter Dro Klamm, An Dro retoruné, Zwiefache, Lot is dod.

Bis auf Fandango haben alle genannten Tänze die Besonderheit, dass sie keine Gattung sind, sondern 1:1 ein Tanz zu einer Melodie existiert. Deshalb haben professionelle Gruppen sie oft nicht im Repertoire – die Kreativität ist limitiert. Deshalb sind sie aber auch die perfekte Session-Grundlage: Schottisch kennt jeder einen anderen, das Zusammenspiel geht quasi nur mit bereits professionalisierten Session-Skills. An dro retourné gibt es nur einen, wer ihn kennt, kann mitspielen. Aber nur, wenn es genug Tänzer gibt, die diesen Tanz bereits können! An Dro retourné ist in so fern leicht, als er eine einfache An Dro Variante ist. Die geht spontan, wenn man An Dro kann. Grande Potterie ist eine schwierige Bourree-Variante. Bourree braucht einen sorgfältigen Tanzkurs für den entscheideneden Trick beim Grundschritt. Wenn es den nicht gibt, macht Grande Potterie keinen Sinn. Damit hat die Session eins ihrer Highlights verloren. Die funktionierende Session lebt von den Wünschen der Tänzer, und der Fähigkeit der Musiker, diese zu erfüllen. Ein Tanzpublikum, das daran gewöhnt ist, von Profimusikern mit intensiv geprobter Musik „gefüttert“ zu werden, gibt gar keinen Anreiz das Instrument auszupacken. Man bedenke, dass dieses Auspacken in der Regel Überwindung kostet – man exponiert sich mit etwas, von dem man vorher nicht sicher weiß, ob es gelingen wird, weil es ja erst im Augenblick entsteht. Je mehr Übung, um so besser gelingt es. Je mehr da schon sitzen, um so leichter ist es, sich dazu zu setzen. Je mehr sich dazu setzen, um so schneller entwickeln sich die lokalen Bal Folk-Skills. Das, was dann gelingt, macht für mich den Zauber des Balls aus. Er ist durch eingeladene Bands nicht ersetzbar. Für mich führt das in letzter Zeit dazu, dass ich oft Bälle erlebe, bei denen – für mich – gar kein Bal Folk stattfand. Ein Bal kriegt um so bessere Atmosphäre, je mehr Menschen sowohl tanzen als auch Musik machen können. Musiker benutzen ihre Ohren auch beim Tanzen. Das verändert den Gesamtklang für alle.

Außerdem braucht man Musikkurse, die Musiker zum Session-Spiel befähigen. 

Ich hänge jeder meiner mails 1-2 Stücke an, die ich für besonders Session tauglich halte. In der Regel habe ich sie in Kursen verwendet, um grundlegende Skills zu vermitteln. Deshalb ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie hier (Wuppertal/Witten) viele können. Zusätzlich lebt jede Session natürlich davon, dass Leute das spielen, was sie mögen. Dies soll in keiner Weise eingeschränkt werden. Nur ergänzt, um Stücke, die die Bal Folk Wurzeln stärken. Damit er stark, finanziell unabhängig, sich selbst erneuernd und von innen her lebendig blühen kann.

Gisela Fischer

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